Textauszug Tagebuch / Kurzurlaub Bingen am Rhein / 2003

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Schon lange interessiere ich mich für Bingen. Hildegard von Bingen ist der Auslöser meiner unbändigen Neugierde. Sie wurde 1098 in Bermersheim bei Alzey geboren – entwickelte sich in ihrem Leben zur streitbaren Äbtissin, Prophetin, Mystikerin, Dichterin, Musikerin und Verfasserin naturheilkundlicher Schriften. Es geht eine Faszination von ihr aus, die zeigt, dass der Geist ihrer Zeit Elemente enthält, die wir in unserer eigenen schmerzlich vermissen.

Meine Suche nach einem Gästehaus beginne ich also im Internet und werde gleich fündig: Ein Gästehaus, das auf dem Boden erbaut ist, auf dem das Kloster stand, in dem Hildegard von 1147 bis 1165 gelebt hat – das „Gästehaus Theobald“ am Rupertsberg.

„Tuuuut … Tuuuut!“ Ungeduldig sitze ich an meinem Schreibtisch – das Telefon in der Hand, bis ich eine sympathische Stimme höre: „Theobald – was kann ich für Sie tun?“ Die Unterhaltung nimmt ihren Lauf und ich reserviere für das erste Juli-Wochenende ein Zimmer mit Halbpension.

Zwei Monate später finde ich mich im Zug wieder. Das Wetter ist prächtig und ich genieße den Anblick der Weinberge und des Rheins, der in der Abendsonne aussieht, wie fließendes Gold.
Eine Weile später stehe ich am „Bingener Bahnhof“ und mache mich – orientierungslos, wie ich bin, auf den Weg zum Gästehaus.

Dort angekommen begrüßt mich eine nette Dame Mitte fünfzig. Sie lächelt mich an und wir reden über den Rupertsberg, Hildegard und über die anderen Sehenswürdigkeiten in Bingen.

Ich bekomme ein wunderschönes Zimmer – mit Blick auf die Germania. Ich dusche mich, ziehe mich um – so schnell wie möglich möchte ich an den Rhein – einen Spaziergang machen und meine Gedanken ordnen. Die Schönheit der Natur hat mich mal wieder völlig fassungslos gemacht.

Mit meiner Kamera bewaffnet verlasse ich das Gästehaus und die freundliche Frau Theobald, die mir noch einen Schlüssel für die „Haupt-Tür“ in die Hand drückt.

Ich gehe die Straße hinab. Bingen ist nicht so groß, wie ich dachte. Erfreut gehe ich weiter, bis ich die Innenstadt mit ihren bunten kleinen Läden erreiche. Nach einiger Zeit komme ich an einem Bahnübergang an. Ich überquere ihn und finde mich plötzlich am Rhein wieder. Ich sehe die schönen Weinberge und bin sprachlos. Die Natur zeigt sich so facettenreich und edel, dass sie meine Seele in der Tiefe berührt. Ich spüre Glück in meiner Seele, in meinem Herzen.

Verträumt setze ich mich in den Biergarten. Ich hatte ganz vergessen, wie hungrig und durstig ich bin. Nach einer Stunde schlendere ich zurück zum Rupertsberg. Ein heißer Sommertag geht zuneige. Lächelnd begrüßt mich Frau Theobald, die mir eine „gute Nacht“ wünscht. Ich erwidere ihre Wünsche, mache mich bettfein und schlafe erschöpft ein.


Meine Augen sind noch geschlossen. Vogelgezwitscher dringt an mein Ohr, es hat mich geweckt und ich atme die Sommerluft ein. Die Fenster waren die ganze Nacht geöffnet.

Langsam öffne ich meine Augen und stelle fest, dass es noch früh am Morgen ist. Ich springe aus dem Bett und schaue aus dem Fenster. Die Sonne geht gerade hinter der Germania auf und ich erlebe ein prächtiges Farbenspiel, das die Landschaft in tiefe Farbtöne taucht.
Ein neuer Tag beginnt. Ein Tag, an dem ich hoffentlich vieles entdecken werde.

Fröhlich gehe ich unter die Dusche, anschließend gehe ich zum Frühstücksraum – ganz gespannt, was mich dort erwartet. Frau Theobald deckt gerade die Tische. Sie erblickt mich und sagt erstaunt: „Sie sind aber früh wach! Ich habe momentan noch mehrere Gäste, aber die werden nicht so früh hier erscheinen.“

Ich lasse mich zwinkernd auf einem Stuhl nieder. Frau Theobald und ich unterhalten uns ausgelassen und bald sitzen wir lachend und plaudernd am Tisch – wir haben eine gemeinsame Leidenschaft entdeckt: Das Schreiben. Ich erfahre, dass sie aus England stammt, aber Germanistik studierte.

Eine Stunde später duzen wir uns. Es kommt mir vor, als würde ich „Barbara“ ewig kennen. Sie empfiehlt mir das Museum direkt am Rhein. Ich mache mich auf den Weg – dort angekommen begrüßt mich ein Museums-Mitarbeiter, der mir ein Billet verkauft.

Neugierig schaue ich mir die „Hildegard-Ausstellung“ an. Es wird ihr Leben beschrieben und ihre vier Lebensorte sind aufgeführt: Bermersheim, Disibodenberg, Rupertsberg und Eibingen. Es wird dargestellt, wie sich am Rupertsberg ihre Begabungen entfalteten. Die 29 Jahre in Bingen wurden die furchtbarsten in ihres Lebens.

Interessiert nehme ich das Museum unter die Lupe. Auch die Rheinromantik lässt mich nicht los. In historischen Salons und Galarieräumen läßt das Museum die Rheinromantik lebendig werden. Ich komme aus dem Staunen nicht heraus. Nach einiger Zeit – ich glaube, es waren Stunden, verlasse ich das Museum. Ich fahre mit einer Rheinfähre nach Rüdesheim und setze mich dort in die Seilbahn. Ich will mir das Niederrad-Denkmal „Germania“ aus unmittelbarer Nähe ansehen.

Mit dem fast 38 m hohen Monument wollte man ein Andenken an den deutsch-französischen Krieg von 1870/71 die Wiedererichtung des deutschen Kaiserreiches schaffen …

© S. Vossenkaul, 19 Jahre
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~ von Sly Vossenkaul - Mai 31, 2010.

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